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Dr. Jana Kühl, Inhaberin der Stiftungsprofessur Radverkehr an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

„Jeder hat seine Vorstellung von der eigenen Mobilität.“

Im Herbst 2020 sorgte Professorin Jana Kühl für reichlich Aufmerksamkeit. Deutschland hatte plötzlich seine erste Professorin für Mobilitätsfragen rund um das Fahrrad. Mehr als ein Jahr danach hat sich der Trubel gelegt. Trotzdem kommt die studierte Geografin noch nicht so oft zum Forschen wie erhofft. Im exklusiven Gespräch mit Elektrofahrrad24 wird klar, wie viel Energie die Ausbildung der kommenden ExpertInnen in Sachen Radverkehr an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften kostet – und welche Motivation sie für sich privat daraus zieht.

Ihre Professur ist eine von insgesamt sieben in Deutschland. Was genau ist Ihr Profil?

Meine Perspektive ist eine übergreifende. Ich forsche und lehre im Bereich Verkehrsplanung, bin aber keine Ingenieurin, wie sonst üblich in dem Metier. Ich blicke aus sozialwissenschaftlicher und politischer Perspektive auf das Thema. Welche unterschiedlichen Bedürfnisse haben Radfahrende? Was für Nutzungspräferenzen gibt es? Was ist praktikabel für welche Gruppen? Wie viel Platz darf das Fahrrad im öffentlichen Raum einnehmen? Diesen Fragen widme ich mich.

Das sind eine Menge Themen. In welche Fächer fließt das konkret bei dem Studium an der Ostfalia Hochschule ein?

Im Verkehrsbereich gibt es das Personenverkehrsmanagement. Dort kann man sich tiefergehend mit dem Radverkehr auseinandersetzen. Dann haben wir einen ähnlichen Studiengang, da geht es eher ingenieurtechnische Fragen, Wirtschaftsingenieurwesen und Verkehr. Daneben arbeite ich an der Ostfalia in dem Bereich Medien und Kommunikation. Das passt extrem gut, weil Radverkehrsförderung und die Frage, wie wollen wir künftig eigentlichen unterwegs sein, sehr viel mit Aushandlung und Dialog zu tun hat. Hinzukommen einzelne Lehrveranstaltungen in den Sportstudiengängen sowie auf den Gebieten Tourismus und Regionalentwicklung. Da kommt also etliches zusammen.

Bleiben wir kurz bei den Studierenden, die sich explizit mit der Radverkehrsplanung beschäftigen. Welches Wissen bekommen diese vermittelt und was können sie später damit anfangen?

Sie erfahren im Detail, wie Radverkehrsplanung funktioniert. Welche planerischen Grundlagen gibt es? Welche Akteure spielen eine Rolle? Wie entstehen Entscheidungsprozesse? Später sollen sie sich sicher in der Gemengelage aus Interessen und Machtbeziehungen bewegen und mit strategischem Geschick die Radverkehrsförderung aktiv voranbringen. Und wir vermitteln ihnen ein Portfolio an guten Radverkehrslösungen. Etwas, das jeweils auf den individuellen Fall passt, praktikabel ist und von den Menschen mitgetragen wird.

In welchen Positionen begegnen uns später solche Spezialisten?

Klassischerweise in den Planungsämtern der Kommunen. Aber eigentlich lässt sich das auf alle Ebenen der Gebietskörperschaften übertragen. Zudem in Beratungsunternehmen, die von den Kommunen beauftragt werden, Konzepte zu erstellen. Teilweise werden sie für ÖPNV-Unternehmen arbeiten, die sich Gedanken machen, wie sie die Fahrradmitnahme organisieren oder die Anbindung vom Rad zum ÖPNV verbessern. Vorstellbar ist auch eine Tätigkeit bei Unternehmen mit eigenen Fahrzeugflotten. Das sind dann aber eher die ganz großen Firmen.

Sie haben ihren breiten inhaltlichen Ansatz bereits dargestellt. Was ist denn schwieriger, einen neuen Radweg umgesetzt zu bekommen oder ein Vorurteil gegenüber dem Fahrrad abzubauen?

Die Denkweise über die Fahrradmobilität zu verändern ist teilweise ein genauso großes Unterfangen wie die Veränderung der Infrastruktur. Beides hängt unmittelbar miteinander zusammen. Bei jeder Infrastrukturmaßnahme prallen unterschiedliche Interessen, Anspruchshaltungen und Selbstverständnisse aufeinander. Jeder hat seine Vorstellung von der eigenen Mobilität.

Dr. Jana Kühl, Inhaberin der Stiftungsprofessur Radverkehr an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

Dr. Jana Kühl war die erste Inhaberin einer Stiftungsprofessur für Radverkehr in Deutschland. Derzeit arbeitet sie an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Im Vergleich mit anderen Verkehrsteilnehmern fühlen sich Fahrradfahrende oftmals immer noch benachteiligt. Wie steht es um die Gleichberechtigung aus Ihrer Sicht?

Das kommt darauf, mit wem man sich vergleicht. Bezogen auf Europa liegen wir wahrscheinlich im Mittelfeld. Im Vergleich zu den Niederlanden hängen wir meilenweit zurück. Den größten Handlungsbedarf sehe ich in puncto Sicherheit. Gerade auch mit dem Aufkommen von E-Bikes. Da muss die Infrastruktur nachziehen. Sonst geraten wir in die Situation, dass diejenigen, die Fahrradfahren wollen, nicht die nötige Infrastruktur vorfinden, vielleicht sogar verunfallen und sich total frustriert vom Fahrrad abwenden.

Entstehen durch E-Bikes und Pedelecs tatsächlich neue Bedarfe?

Mit den höheren Fahrgeschwindigkeiten wächst der Druck auf den bestehenden Radwegen. Wer mit kleinen Kindern auf dem Radweg unterwegs ist, kennt sicher die Situation, dass jemand, der schneller fährt, überholen möchte. Dafür braucht es genug Platz. Gut möglich, dass in den kommenden Jahren noch zahlreiche gewerblich genutzte E-Cargobikes hinzukommen. Dann reicht die jetzige Infrastruktur vorn und hinten nicht. Wir müssen uns darüber austauschen, wie der Raum neu organisiert werden kann, damit sich diese neuen Formen der Mobilität auch ernsthaft nutzen lassen.

Was braucht es dafür aus Ihrer Sicht am dringendsten?

Vor allem mehr Sicherheit. Ganz oft spielen eher örtliche Gegebenheiten eine größere Rolle. Wie ist es zum Beispiel um die Sicht im Kreuzungsbereich bestellt? Gleichzeitig betrifft das natürlich auch den generellen Umgang mit dem Radverkehr. Wo kann ich etwa die Ampelschaltung so verändern, dass Radfahrende sicher eine Kreuzung überqueren können? Ist erst einmal die Sicherheit gewährleistet, geht es zudem darum, genügend Platz für alle zu schaffen.

Bemalte Kreuzung in der Stadt Lancaster in den USA

Projekte wie das „Asphalt Art Safety“ aus den USA zeigen, wie bereits das Bemalen der Straße die Sicherheit an Kreuzungen für Radfahrende und zu Fuß Gehende erhöhen kann.

Haben sich E-Bikes diesen Platz wirklich verdient? Von manchen Seiten werden sie ja doch recht kritisch betrachtet.

Das stimmt. Gern heißt es, das E-Bike sei aufgrund seines Akkus umweltschädlich. Und wer ein E-Bike als reines Spaßprodukt besitzt, leistet sicher keinen Beitrag zum Umweltschutz. Sobald die Menschen damit Autofahrten ersetzen, ist es massiv von Vorteil. Verglichen mit dem Energieverbrauch, der bei der Herstellung und dem Fahren eines E-Autos anfällt, ist das eine Lappalie.

Sie haben selbst fünf Fahrräder. Ist darunter ein E-Bike?

Ja, mein Lastenrad hat eine elektrische Unterstützung.

Die anderen kommen ohne aus?

Ja, obwohl ich die elektrische Unterstützung sehr zu schätzen weiß, gerade wenn ich längere Strecken fahre. Vom Komfort her und der Zeiteffizienz ist das wirklich sehr ansprechend. Ich werde weiterhin auch meinen anderen vier Fahrrädern treu bleiben, bin aber wirklich begeistert von den neuen Möglichkeiten.

Dass Radverkehrsförderung dringend mediale Aufmerksamkeit braucht, haben Sie bereits erwähnt. Sie persönlich standen beim Antritt Ihrer Stelle 2020 selbst im Fokus der Medien. Genießen Sie es inzwischen „nur“ eine von sieben und nicht DIE eine Radprofessur inne zu haben?

Definitiv. Am Anfang war „Die erste Radprofessorin“ ein sehr gern genommener Titel. So ein großes mediales Interesse hatte ich nie erwartet. Vielleicht bin ich da auch ein wenig naiv gewesen. Oder einfach nur froh, jetzt ganz gezielt zum Radverkehr forschen zu können. Andererseits ist es auch sehr interessant, das Thema auch medial ausfüllen zu können. Im Grunde sind wir aber alle sieben Berufenen die ersten und möchten so auch wahrgenommen werden.

Kommen Sie wieder ausgedehnter zum Forschen, da sich das Medieninteresse normalisiert hat?

Da sprechen Sie etwas an! Ich möchte gern wieder mehr forschen. An der Hochschule bin ich jedoch mit meiner Lehrtätigkeit schon komplett ausgelastet. Zu Beginn musste ich eigentlich alle Lehrveranstaltungen komplett neu aufbauen. Jetzt habe ich sie ein, zwei Male durchgespielt und es stellt sich eine gewisse Routine ein. Dadurch entsteht Platz für Dinge links und rechts davon. Während eines Semesters oder eines Jahres kann ich mir so immerhin kleinere Forschungsprojekte vornehmen.

Sie forschen unter anderem dazu, wie sich infrastrukturelle Maßnahmen wie Radschnellwege auf die Motivation zum Umstieg von anderen Verkehrsmitteln auf das Fahrrad auswirken. Wie steht es um dieses Projekt?

Das soll eigentlich Teil meiner Habilitation sein. Leider liegt es aus den genannten Gründen derzeit auf Eis. Das möchte ich auf alle Fälle wieder aufnehmen. Solche Leuchtturmprojekte sind spannend. Sie zeigen, wie Fahrradverkehr tatsächlich funktionieren kann, wenn man es ernst meint. Ich möchte herausfinden, was solche Projekte in den Köpfen der Radfahrenden auslösen. Und ob sich dadurch gesamtgesellschaftlich etwas verändert, in dem das Radfahren plötzlich einen neuen Stellenwert erhält.

Was war denn ihr schönstes Fahrraderlebnis bisher?

Schwer zu sagen. Mir macht das Fahrradfahren eigentlich täglich Freude. Als ich heute Morgen auf Arbeit gefahren bin, war es kalt, nass und grau. Neben mir rauschten jede Menge Autos vorbei und alles wirkte recht hektisch. Dann habe ich mich für den längeren Weg entschieden und bin auf landwirtschaftliche Nutzwege ausgewichen. Da herrschte auf einmal komplette Stille, es zeigte sich so etwas Ähnliches wie ein Sonnenaufgang. Ich radelte einfach ganz allein für mich und fühlte mich auf einen Schlag unheimlich entspannt.

Gibt es ein Fahrraderlebnis, an das Sie ungern zurückdenken?

Das sind natürlich die Unfälle und die Beinahe-Unfälle. Glücklicherweise ist mir noch nie etwas Schlimmes passiert. Gerade beim Rechtsabbiegen gab es bereits mehrere brenzliche Situationen. Es genügt aber auch schon, wenn jemand rücksichtslos fährt und zum Beispiel massiv den Sicherheitsabstand unterschreitet. Allein dadurch fühle ich mich gefährdet. Ich frage mich, ob Leuten überhaupt bewusst ist, was sie in dem Moment tun? Auf dem Fahrrad ist man in solchen Situationen einfach sehr verwundbar.

Tröstet es dann ein wenig zu wissen, dass Sie in einer Position sind, aus der heraus Sie etwas dafür tun können, dass dies seltener vorkommt?

Es motiviert tatsächlich ungemein, die nächste Generation der Verwaltungsangestellten für solche Dingen sensibilisieren zu können. Ich kann nichts Konkretes umsetzen und viele der damit verbundenen politischen Debatten sind nach wie vor frustrierend. Aber in einem ganz kleinen Rahmen kann ich aktiv werden und das fühlt sich gut an.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kühl.

 

Bilder: Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften

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